Schielen mit Roberto Kaplan

Seit ich klein war, schielte ich, ein Zustand, in dem mein rechtes Auge periodisch nach außen wanderte.

Zuerst war das Schielen für mich wie ein Fluch. Ich konnte weder lesen, noch etwas Begreifen. Ich war schlecht in der Schule, denn meine Aufmerksamkeitsspanne war sehr kurz und ich träumte vor mich hin.

Der Fluch zeigte sich auch in den Auswirkungen auf meinen Selbstwert. Ich fühlte mich wertlos, wie ein schwarzes Schaf in der weißen Herde und verdrehte meine Körperhaltung in eine Skoliose, um zu überleben.

Ich war 19, als ich realisierte, dass ich mehr als 50 Prozent der Zeit doppelt sah. Zwei Welten vor mir zusehen, war keine neue Erfahrung. Dieses Spiel spielte ich als Jugendlicher häufig. Neu war, dass ein Augenoptiker mir sagte, dass das ein Problem sei und unnormal. Wieder war etwas verkehrt mit mir.

Die erste Lösung für diesen Fluch war, dass man mir sagte, ich müsse eine Plus Dioptrien Brille tragen und Prismengläser.

Ich wurde darüber informiert, dass diese Wahrnehmungsstörung mit ihren Bauchschmerzen verursachenden Nebenwirkungen schließlich weggehen würde, wenn sich mein Gehirn letztendlich angepasst hätte. Was für ein Witz!

Was da wirklich gesagt wurde, war, dass ich mich einfach daran gewöhnen müsste, abhängig zu sein von Prismengläsern, die einen mit der Stärke versorgten, präsent durch beide Augen zu schauen.

Die Chance zeigte sich, als ich erkannte, dass die Stärke der gemessenen Prismengläser die Stärke war, die ich mir selbst zurückerobern musste. Was für eine Stärke könnte das sein?

Wir schielen nicht einfach nur so zufällig oder weil wir Pech haben.

Ein abwanderndes Auge zeigt eine Art der Wahrnehmung, die tief aus unserem Inneren kommt. Was könnte das möglicherweise bedeuten, wenn sich ein Auge nach innen oder außen dreht?

Die Antworten auf diese Fragen enthüllten sich während der folgenden Jahre. Die Chance mein Schielen als eine „günstige Gelegenheit“, als etwas Positives, zu sehen, wuchs in dem Maß, in dem mein Herz bereit war zu sehen.

Den Zustand zu verstehen, reichte nicht. Ich musste mir genau bewusst werden, wann sich mein Auge nach außen drehte.

Es waren die tiefen Erfahrungen, die mich führten, mich selbst durch meine Augen zu kennen. Das war dann die eigentliche Heilung.

Wie ein Wecker, der uns zum Aufwachen bringt, verband mich mein sich verdrehendes Auge mit äußeren Ereignissen.

Je wacher ich war, umso eher konnte ich meine Gefühle in Beziehung zu Erfahrungen setzen, in denen ich doppelt sah.

Mein sich verdrehendes Auge wurde zu einem perfekten Biofeedbackmechanismus um bewusster zu sein.

Wenn im Außen etwas geschah, mit dem ich mich schlecht verbinden konnte, dann wanderte mein rechtes Auge weg.

Nicht das rechte Auge war die Quelle des Problems, so wie ein schwacher Muskel. Im Gegenteil, mir wurde gesagt, meine Augenmuskeln seien stark.

Wer dann ließ mich nicht durch das rechte Auge schauen? Was bedeutete das wirklich? Hatte ich Angst?

Während dieser Entdeckungsjahre bezog ich auch Körperarbeit mit ein, wie Rolfing, Craniosacralarbeit, Shiatsu und Massage. Meine Therapeuten teilten mir mit, dass der Fortschritt ihrer Arbeit unterstützt wurde durch die Bewusstheit, die ich durch meine Arbeit mit meinen Augen bekommen hatte.

Gewöhnlich behandelte ich Kinder mit einem „Faulen Auge“ (Schwachsichtigkeit), indem ich ihr gutes Auge abdeckte. Ich fing an, dasselbe bei mir zu tun.

Ich trug eine schwarze Augenklappe über dem linken, meinem dominanten Auge und begann einen Prozess. Dabei suchte ich mir drinnen einen sicheren Platz und übte wirklich präsent durch das rechte Auge zu sein. Ich bemerkte, wenn ich im Widerstand war, etwas vor mir anzuschauen oder zu erleben, dass dann graue oder schwarze Flimmerbildschirmeffekte auftauchten, wie bei den alten Fernsehern, solange sie uneingestellt waren. In diesen Momenten realisierte ich, dass die Sicht durch mein linkes dominantes Auge versuchte zu übernehmen.

Hatte Licht, das durch mein rechtes Auge hereinkam, eine andere Wirkung als das Licht durch das linke Auge?

Über Wochen und Monate erforschte ich diese Frage.

Die Ergebnisse waren schockierend und führten mich in eine neue Wahrnehmung der Realität. Während ich mein linkes Auge abdeckte, fühlte es sich so an, als sei ich mehr in Berührung mit Maskulinität, mit der väterlichen Seite der Familie.

Ich erinnerte mich an Dinge, die er zu mir sagte und auch wie ich mich gefühlt hatte, ebenso wo ich meine Gefühle zurückhielt, meine Wahrheit nicht aussprach, weil ich Angst hatte vor seinem explosiven Temperament. Außerdem hatte ich Schwierigkeiten klaren und logischen Gedankengängen zu folgen und zu verstehen.

Kein Wunder, dass ich mich in der Schule so schwer mit Lernen tat.

Es war für mich viel angenehmer durch mein linkes Auge zu sehen, da es leicht war zu empfangen, zuzuhören und zu lauschen. Offensichtlich erklärte diese weibliche Art des Wahrnehmens die enge Beziehung zu meiner Mutter.

Was früher als Fluch und als Problem erschein, begann sich allmählich als eine unglaubliche Möglichkeit zu erweisen.

Ich ermutigte mich, neue Arten des Sehens zu finden, erst durch ein, dann durch beide Augen. Damit löste ich nicht nur das durchgeschüttelt werden durch das Doppelbildersehen, sondern ich begab mich auf eine lebensverändernde Reise.

Je stärker sich die Integration meiner männlichen und weiblichen Wahrnehmungen veränderte, desto stärker veränderten sich die Beziehungen zu anderen Menschen.

Mit Frauen ging ich weniger in Konkurrenz. Die Verbindung zu Männern bekam eine tiefere Ausrichtung. Dadurch, dass ich mich verbundener fühlte, ließ mich der Blick durch meine Augen weniger Illusionen erschaffen.

Das befähigt mich, tiefere Erfahrungen im Leben zu machen. Keine Prismengläser mehr. Weniger als 5% Doppelbilder sehen. Das Ergebnis: Mehr Erfüllung, Freude und Zufriedenheit. Und auch jetzt noch entwickele ich diesen Prozess weiter. Und habe ein warmes, tiefes Gefühl von Liebe dabei.

Während der nächsten 40 Jahre wurden diese Ergebnisse an Tausenden meiner klinischen Patienten getestet.